"MATINÉE DER ZUKUNFT II"
SONNTAG, 6. SEPTEMBER 2026, 11 UHR
Ludwig van Beethoven
Sonate Nr. 23 in f-Moll, op. 57 “Appassionata”
Allegro assai – Andante con moto – Allegro ma non troppo
Frédéric Chopin
Ballade Nr. 1 in g-Moll, op. 23
Sergej Rachmaninow
Prélude in h-Moll, op. 32/10
Etudes Tableaux in c-Moll, op. 39/1
Pause
Johann Sebastian Bach
Lautensuite in c-Moll, BWV 997 (Klavierbearbeitung von Egon Petri)
Prélude – Fuga – Sarabande - Gigue
Ludwig van Beethoven
Sonate Nr. 31 in As-Dur, op. 110
Moderato cantabile molto espressivo
Allegro molto
Adagio ma non troppo – Fuga. Allegro ma non troppo
Carl Vine
Sonate Nr. 1
Ketevan Zariashvili - Klavier, Alexandre Shubitidze - Klavier
Junge Künstlerinnen und Künstler aus der Paliashvili Musikschule für hochbegabte Kinder, Tiflis.
Detail: Sakaria Paliashvili (georgisch ზაქარია ფალიაშვილი; (1871-1933) war ein georgischer Komponist, der klassische europäische Musik mit georgischer Volksmusik verband.
Carl Vine und eine Jahreszahl führen nach „Down Under“. James Cook kartografierte 1770 die Ostküste Australiens und beanspruchte sie für Großbritannien. In Bonn wurde im selben Jahr Ludwig van Beethoven geboren, in Döbling der Local Hero. Er hat in Wien viele Häuser bewohnt, die meisten davon im 19. Bezirk. Hier verfasste er im Sommer 1802 das „Heiligenstädter Testament“:
„O ihr Menschen die ihr mich für Feindseelig störisch oder Misantropisch haltet oder erkläret, wie unrecht thut ihr mir, ihr wißt nicht die geheime ursache von dem, was euch so scheinet, ... o wie hart wurde ich dur[ch] die verdoppelte traurige Erfahrung meines schlechten Gehör’s dann zurückgestoßen, und doch war’s mir noch nicht möglich den Menschen zu sagen: sprecht lauter, schreyt, denn ich bin Taub ...“
Alpha und Omega: Ludwig van Beethoven schuf mit seinen 32 Klaviersonaten das „Neue Testament“ der Klaviermusik. Es ist kein fertig werden mit diesen Werken.
Vollendet hat Ludwig van Beethoven seine Klaviersonate Nr. 23 f-Moll op. 57 wahrscheinlich im Jahr 1806, im ungarischen Schloss Martonvasar, gewidmet dem jungen Schlossherren Graf Franz von Brunsvik. Der berühmte Beiname „Appassionata“ stammt nicht von Beethoven. Erstmals findet er sich auf dem Titelblatt der „Sonata appassionata“, einer Übertragung der Sonate für Klavier vierhändig, die der Hamburger Verleger Cranz 1838 herausgab. Die Assoziation kurbelte den Verkauf an und blieb, obwohl die musikalische Vortragsbezeichnung „appassionato“ als Spielanweisung an keiner einzigen Stelle auftaucht.
Der Blick auf die Tonarten der drei Sätze verspricht Drama pur:
Erster Satz: Allegro assai, f-Moll, 12/8 Takt, 262 Takte
Zweiter Satz: Andante con moto, Des-Dur, 2/4 Takt, 97 Takte
Dritter Satz: Allegro ma non troppo, f-Moll, 2/4 Takt, 361 Takte
Ferruccio Busoni schreibt 1922 in einem Essay „Liberté, égalité, fraternité: Beethoven ist ein Ergebnis von 1793, daher des Jahres der französischen Verfassung, und der erste große Demokrat in der Musik. Er will, dass die Kunst ernst, das Leben heiter sei. Sein Werk tönt voll Unmut, denn das Leben ist eben nicht heiter; mit schöner Sehnsucht nach dieser Verwirklichung holt er immer wieder vom Leiden aus, ingrimmig und rebellisch.“
Bachs Wohltemperiertes Klavier, Mozarts Geist aus Haydns Händen, Kontrapunkt bei Albrechtsberger, und dann das! Es pocht unentwegt im ersten Satz, der zweite in Des-Dur (!) tritt in Gestalt einer fast geisterhaften Prozession in Erscheinung und der dritte entfacht ein Perpetuum mobile. Nach diesem ausgereift wilden Ritt war für Beethoven eine geraume Zeit erstmal Schluss mit dem Komponieren von Klaviersonaten. Kein Wehe, wenn wir an das Ende sehen.
1836, ein Jahr nach seinem ersten Scherzo, veröffentlichte Frédéric Chopin seine erste Ballade in g-Moll, gewidmet seinem Freund und Schüler Baron Nathaniel Stockhausen, Botschafter des Königreichs Hannover. Sowohl der Baron als auch seine Frau nahmen Klavierunterricht bei Chopin.
Die Ballade hat nichts vom „brillanten” Stil, zu dem Chopin in seinen frühen Pariser Jahren zurückkehrte. Sie manifestiert reinste Romantik, deren erster Ausbruch bei Chopin in den zwei Warschau-Wien-Jahren zwischen Herbst 1829 und Herbst 1831 aufblühte. Man könnte dies als Chopins Sturm-und-Drang-Periode einordnen. Der polnische Nationaldichter Adam Mickiewicz legt vor: „Die Ballade ist eine Erzählung, die aus Begebenheiten des Alltags (also des realen Lebens) oder aus ritterlichen Geschichten gesponnen ist, belebt durch die Fremdartigkeit der romantischen Welt, gesungen in melancholischem Ton, in ernstem Stil, einfach und natürlich in ihren Ausdrucksformen.“ Und Chopin verwandelt.
Es gab und gibt Versuche, die Ballade in g-Moll als Entsprechung zu der romantisch- heroischen Erzählung von Mickiewicz über den Hochmeister des Deutschen Ordens im 14. Jahrhundert, Konrad Wallenrod, zu betrachten. Heinrich Heine findet treffende Worte und zieht einen größeren Rahmen um den europäischen Künstler Chopin: „Polen gab ihm seinen chevaleresken Sinn und seinen geschichtlichen Schmerz, Frankreich gab ihm seine leichte Anmut, seine Grazie, Deutschland gab ihm den romantischen Tiefsinn ... Die Natur aber gab ihm eine zierliche, schlanke, etwas schmächtige Gestalt, das edelste Herz und das Genie. Ja, dem Chopin muss man Genie zusprechen, in der vollen Bedeutung des Worts; er ist nicht bloß Virtuose, er ist auch Poet, er kann uns die Poesie, die in seiner Seele lebt, zur Anschauung bringen, er ist Tondichter, und nichts gleicht dem Genuss, den er uns verschafft, wenn er am Klavier sitzt und improvisiert. Er ist alsdann weder Pole noch Franzose noch Deutscher, er verrät dann einen weit höheren Ursprung, man merkt alsdann, er stammt aus dem Lande Mozarts, Raffaels, Goethes, sein wahres Vaterland ist das Traumreich der Poesie. Wenn er am Klavier sitzt und improvisiert, ist es mir, als besuche mich ein Landsmann aus der geliebten Heimat und erzähle mir die kuriosesten Dinge, die, während in einer Abwesenheit, dort passiert sind ...“ Stand up tragedy in Zeitlupe.
Anders als Chopin, Skrjabin und selbst Schostakowitsch ordnet Sergej Rachmaninow seine Préludes nicht systematisch nach Tonarten an. Es ist sogar nicht einmal überliefert, wann er sich genau dazu entschied, den Zyklus von 24 Stücken zu vervollständigen, obwohl das schon klar gewesen sein muss, als er 1910 die 13 Préludes op. 32 komponierte. Diese entstanden direkt nach seinem 3. Klavierkonzert und auch hier kann man wechselseitige pianistische Beziehungen feststellen. Er näherte sich der Aufgabe recht pragmatisch: „Das Prélude, wie ich es verstehe, ist eine Form absoluter Musik, mit der Zielrichtung, wie sein Name ausdrückt, vor einem wichtigeren Musikstück gespielt zu werden, oder als Einführung zu irgendeiner Veranstaltung.“ Das Prélude Nr. 10 in h-moll wurde von einem unheimlichen, von Todesgedanken heimgesuchten Gemälde „Die Rückkehr“ des Schweizer Symbolisten Arnold Böcklin angeregt. Eine zunächst sanfte Klage türmt sich zu Fortissimi-Akkorden im mittleren Teil.
Der Gebrauch des Wortes „tableaux“ für Rachmaninows „Etudes tableaux“ kann in die Irre führen. Obwohl bekannt ist, dass Rachmaninow bei einigen Stücken durch außermusikalische Sujets inspiriert wurde, winkt er kategorisch ab: „Ich halte nichts davon, wenn der Künstler zu viel von seinen Bildern verrät. Sollen sie selbst malen, was sie am stärksten ausdrücken.“ Der Zyklus op. 39 kann als ein versteckter Variationszyklus über eine Idée fixe des Komponisten verstanden werden: das „Dies irae“ aus der Totenmesse, „Tag des Zornes“. Teile des Cantus planus werden in allen neun Etudes tableaux direkt zitiert, besonders offensichtlich jedoch in den ersten fünf. Das „Dies irae“ wird außerdem in Rachmaninows „Toteninsel“ zitiert, deren Inspirationsquelle das Gemälde von Arnold Böcklin war und Rachmaninow offenbarte, dass zwei weitere Gemälde Böcklins, „Im Spiel der Wellen“ und „Morgen“ jeweils die erste und achte Studie inspiriert hatten. Ein Bilderreigen der den eigenen Bildern im Kopf einen virtuosen Rahmen gibt: Klavierkino.
Bachs Lieblingsinstrument war das Clavichord. Die Suite in c-Moll, BWV 997 entstand um das Jahr 1740 und war für die Laute oder das Lautenwerk gedacht, ein historisches Tasteninstrument, das den charakteristischen Klang der Laute reproduzierte. Für Rudolf Firkušný war Bachs nachgeborener Arrangeur Egon Petri „nicht bloß ein großer Pianist, sondern einer der größten aller Zeiten“. Das Grove’s Dictionary von 1954 zählte „klares Denken“ und „wundervolle Hände, die niemals eine unnötige Bewegung machen“, zu den Vorzügen seines Spiels. In Berlin, wo er auch Philosophie studierte, in Weimar und Dresden erhielt er Unterricht von dem großen Pianisten und Komponisten Ferruccio Busoni, einem Freund der Familie. Petri galt schon bald als wichtigster Busoni-Schüler und -Interpret. Die beiden traten in London bis 1921 als Klavierduo auf. Auch assistierte Petri seinem Lehrer bei der Herausgabe der Klavierwerke Johann Sebastian Bachs. Hausmusik des Thomaskantors in tanzender viersätziger Suite angeordnet, mit progressiv romantischer Würze versehen. Jahrhunderte umarmen sich im jeweiligen Geschmack der Zeit.
Das Autograph der Sonate op.110 von Beethoven ist auf den 25. Dezember 1821 datiert; doch ist nicht klar, ob es ein Anfangs- oder ein Vollendungsdatum ist. Zudem wurde die Jahreszahl von „1822“ später zu „1821“ korrigiert, das Datum könnte also später eingetragen worden sein. Wie in der vorangegangenen Sonate sind die ersten beiden Sätze knapp und konzentriert, während der dritte ausladend anmutet und Kontraste aufwirft. Der Satz geriet so kompliziert und enthielt derart viele Korrekturen, dass Beethoven ein zweites Autograph als Reinschrift anfertigte. Zur Druckvorbereitung wurde dann allerdings das erste Autograph verwendet. Die Sonate wurde zum Erstaunen ohne Widmung veröffentlicht.
Das Anfangsthema ist „con amabilità“ bezeichnet, also „mit Liebenswürdigkeit“, und der gesamte, im Tempo mäßige Satz wirkt sanft und freundlich. Sogar die zentrale Durchführung, sonst häufig der Ort für Modulationen in entfernte Tonarten, ist ruhig und entspannt und entfernt sich nie weit von der Haupttonart. Einzig die Reprise wechselt einmal kurz nach E- Dur und erinnert damit an die vorangegangene Sonate.
Den zweiten Satz bildet ein stürmisches Moll-Stück mit einem etwas zahmeren Mittelteil. Angeblich basierend auf zwei Volksliedern, eine Annahme, die in Beethovens Skizzen nicht zu verifizieren ist.
Das Finale setzt sich aus mehreren kontrastierenden Teilen zusammen. Es beginnt mit einem Rezitativ im Gesangsstil, dem ein „klagender Gesang“ folgt. Erneut muss man an die vorige Sonate und ihren „Gesang“ denken. Er weicht einer Fuge, die stufenweise auf einen eindrücklichen Höhepunkt geführt wird, um sich wieder zurückzuziehen bis zu einer noch traurigeren Fassung der Klage, von Beethoven „ermattet, klagend“ bezeichnet. Die Fuge kehrt zurück, wobei das Thema zunächst in Umkehrung erklingt (abwärts statt aufwärts); bezeichnet ist sie nun „nach und nach wiederauflebend“. Ein triumphaler Abschluss.
Vermutlich hat auch er Beethovens Sonaten erklommen. Der australische Komponist Carl Vine wurde 1954 in Perth geboren und studierte Klavier bei Stephen Dornan und Komposition bei John Exton an der University of Western Australia. Nachdem er 1975 seinen Lebensmittelpunkt nach Sydney verlegt hatte, arbeitete er als freischaffender Pianist und Komponist mit einer Reihe von Ensembles, Theater- und Tanzcompagnien zusammen. Im Jahre 1979 war er an der Gründung des Ensembles für zeitgenössische Musik „Flederman“ beteiligt, welches sich auf neue australische Musik spezialisierte und viel von Carl Vines eigener Musik präsentierte. Er hob mehrere australische Werke für Soloklavier aus der Taufe und trat als Dirigent und Pianist in Europa, Großbritannien und den USA in Erscheinung.
Carl Vine ist einer der kreativ produktivsten Komponisten unserer Zeit, dessen Werk acht Sinfonien, dreizehn Konzerte und sechs Streichquartette umfasst (Chicago Classical Review, August 2022). Seine Kompositionen werden weltweit häufig aufgeführt, und Aufnahmen seiner Musik auf mehr als 70 Alben werden regelmäßig auf internationalen Streaming- Plattformen gespielt. Ein umfangreiches Repertoire an Kammermusik, Werke für Film, Fernsehen, Tanz und Theater. Sein Werkgedanke ist breit aufgestellt: Vine hat so unterschiedliche Aufgaben wie die Bearbeitung der australischen Nationalhymne und das Komponieren von Musik für die Olympischen Spiele (Abschlussfeier, Atlanta 1996) übernommen. Er war künstlerischer Leiter von Musica Viva Australia, dem weltweit größten Veranstalter von Kammermusik. In dieser Funktion war er auch künstlerischer Leiter des Huntington Estate Music Festival und des Musica Viva Festival in Sydney. Seit 2014 ist Carl Dozent für Komposition am Sydney Conservatorium of Music.
Die Klaviersonate Nr. 1 komponierte Carl Vine 1990, gewidmet dem australischen Pianisten Michael Kieran Harvey, der 1991 die erste Aufnahme der Sonate unter dem Label Tall Poppies veröffentlichte. Die erste gedruckte Ausgabe unter dem Label Chester Music enthält folgende Beschreibung: „Die Musik ist reich an Akkordbewegungen, ungewöhnlichen fließenden Harmonien und Tonalitäten, mit großen Extremen in Dynamik und Energie. Entsprechend dem tänzerischen Ursprung des Stücks ist die Musik mit sehr strengen Tempowechseln gespickt, die eine exakte Einhaltung erfordern, anstatt des für viele Klavierinterpretationen typischen Rubato-Ansatzes.“
Pate stand vermutlich die kontrapunktische Eleganz der Klaviersonate von Elliot Carter (1946). Der Aufbau ähnelt dem der zweisätzigen Carter-Sonate, wobei der langsame Teil in den schnelleren Teil des ersten Satzes eingebettet ist und diesen definiert. Der zweite Satz basiert auf einem Moto perpetuo, das bald einem choralartigen Abschnitt weicht, der auf parallelen Quinten basiert. Bei der Erörterung des Werks hält sich Vine mit Erklärungen zum Kompositionsprozess zurück, da er diese für selbstverständlich hält, und tatsächlich ist das Werk beim ersten Hören akustisch durchaus „zugänglich“. Eines der Hauptanliegen dieser Sonate ist jedoch die Wechselbeziehung zwischen unterschiedlichen Tempi, charakterisierend und verbindendes Element zugleich.
Detail: Die Entfernung zwischen Perth (Australien) und Wien-Döbling beträgt in der Luftlinie etwa 13.278 km. Ein Flug zwischen diesen Städten dauert typischerweise über 22 Stunden, einschließlich Transfers, da es keine Direktverbindungen gibt.
TEXT: URSULA MAGNES
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