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PROGRAMMEINFÜHRUNG

EIN ROMANTISCHER KLAVIERABEND - „LEIDENSCHAFT UND STILLE“

SAMSTAG, 5. SEPTEMBER 2026, 18 UHR


Robert Schumann

Kreisleriana, op. 16


Pause


Franz Liszt

Sonate h-Moll


Ketevan Sepashvili - Klavier


Literarische Inspiration umweht sowohl Robert Schumanns „Kreisleriana“ als auch die h- Moll-Sonate von Franz Liszt. Der Tondichter Schumann vernarrte sich in den Kapellmeister Kreisler aus der Feder des deutschen Romantikers E.T.A. Hofmann; allein der Originaltitel taumelt in ironischer Skurrilität vor den Augen der Leserin: „Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“. Eine Katze schleicht durch die Zacherlfabrik und lauscht womöglich Gretchen und Faust in der Waschküche von Franz Liszts europäischem Salon. Eine Anrufung aller Geister um in einer Sonate das große Ganze zu schöpfen. Ein heißer Suppentopf! Ein inniges Date mit Beethoven weit über Richard Wagners „Tristan“ hinaus.

Von wegen Leidenschaft: ein Jahr vor seiner lang ersehnten Hochzeit mit Clara 1840 schrieb Schumann seinem ehemaligen Lehrer Heinrich Dorn: „Gewiss mag von den Kämpfen, die mir Clara gekostet, manches in meiner Musik enthalten ... sein. Das Concert op.14, die Sonate op.11, die Davidsbündlertänze, die Kreisleriana und die Novelletten hat sie beinah allein veranlasst.“ Ein Musenkuss, von dem sie sich nichts kaufen konnte.


Den Titel entlehnt Schumann dem Werk des romantischen Dichters E. T. A. Hoffmann. Die autobiographisch geprägte, fiktive Figur des genialischen Kapellmeisters Johannes Kreisler trifft Schumanns Hang für derlei doppelbödig kauzige Charaktere. Aber woher die Stille? Die „Schuhfrau“ Ketevan Sepashvili flüstert ihren Zugang zu Schumanns „Kreisleriana“: „Beide Stücke, auch Liszts h-Moll-Sonate, hören sehr leise auf und mit einem Ton!“ Beide Komponisten sind bis heute die meistgespielten in ihren Recitals, wenn auch besagte Werke lange nicht gespielt. „Ich fühle mich in der Romantik sehr wohl. Mein Lieblingskomponist Beethoven – das ist geordnete Romantik – darauf fußen Schumann und Liszt.“

Schumann überlässt auch gar nichts dem Zufall: eine Art „verrückte Ordnung“. E.T.A Hoffmann schwirrt ums Eck, die Acht Fantasien der „Kreisleriana“ sind eine einzigartige Klangparade, von Schumann zuerst Clara dann Chopin gewidmet. „Bei Schumann muss man wahnsinnig viel mit den Farben arbeiten. Manchmal schreibt er derart, ,unlogische Sachen‘ – subito (sofort) zum Beispiel – das Schwierigste ist darin zu tun, in all dem Furor ein Legato zu entwickeln, es passiert so viel in dem Stück, Robert hat seiner Clara so viel hineingepackt. Jeder Phrasierung muss ich eine Farbe geben, denn Timing und Klang ist alles. „Sehr“ alles, ein Wechselbad der Gefühle, „eine recht ordentliche wilde Liebe liegt darin“. Wo auch immer sie sich abspielt... äußerst, 6 mal sehr und dann schnell und spielend...


1 Äußerst bewegt, d-Moll
2 Sehr innig und nicht zu rasch, B-Dur 

3 Sehr aufgeregt, g-Moll

4 Sehr langsam, B-Dur – d-Moll 

5 Sehr lebhaft, g-Moll
6 Sehr langsam, B-Dur
7 Sehr rasch, c-Moll – Es-Dur

8 Schnell und spielend, g-Moll


Die h-Moll-Sonate von Franz Liszt hat Ketevan Sepashvili 2012 auf ihrer allerersten CD aufgenommen. Was würde sie heute für Liszt kochen? „Champagner!“, lautet ihre spontane Antwort, die in ein herzhaftes Lachen übergeht, denn „in seiner Musik ist er nicht banal – also im Sinne von ‚Gulasch mit viel Paprika‘ – danach ein feiner Wein mit einem gut sortierten Käseteller. „Als Pianist hat sich Liszt zum Teil selbst übertroffen, der Komponist hat dem Pianisten Liszt alles in die Hand gegossen, die Musik in die Virtuosität eingebettet. Im Faksimile der h-Moll-Sonate ist faszinierend zu sehen wie viel er durchgestrichen hat. Er hatte auch ein anderes Ende vorgesehen, und das Werk wäre damit wohl nicht so berühmt geworden. Komponiert ist es in einem Atemzug wie ein Theaterstück: Es hat was Faustisches, Mephisto, das Bösartige, das Schicksal klopft dreimal ahnend an die Tür, denn es kann so oder auch so etwas passieren. Gretchen-Themen, letzte Paar Akkorde „Heinrich, mir graut vor Dir“ – dieser Moment! Die Fuge fordert einen unglaublicher Spannungsbogen. Liszt spielt sich mit allen Arten von Formen und das Wesentliche passiert doch in den Pausen, dort ereignet sich die Musik. Ein ganz kurzer Blick in das Paradiesische mit lichtvollen Akkorden, es darf ein bisschen funkeln, strahlen.“ Nach der Leidenschaft, die Stille. Frage beantwortet.


Es ist wohl allgemein bekannt, dass Liszt die Sonate Schumann widmete, zum Dank dafür, dass Schumann ihm seine großartige Fantasie op. 17 zugeeignet hatte. Eine Widmung, die Clara Schumann in ihrer Ausgabe der Werke ihres verstorbenen Mannes tilgte: „Liszt sandte heute eine an Robert dedizierte Sonate und einige andre Sachen mit einem freundlichen Schreiben an mich. Die Sachen sind aber schaurig! Brahms spielte sie mir, ich wurde aber ganz elend. ... Das ist nur noch blinder Lärm – kein gesunder Gedanke mehr, alles verwirrt, eine klare Harmoniefolge ist da nicht mehr herauszufinden! Und da muss ich mich nun noch bedanken – es ist wirklich schrecklich.“ Das schreibt Clara Schumann am 25. Mai 1854 kopfschüttelnd in ihr Tagebuch.


Schuberts Wanderer-Fantasie stand Liszt Pate. Wie bei der Faust-Sinfonie und vielen anderen großangelegten Werken wird uns die Tonalität des Stücks zu Anfang vorenthalten. In seinem Nachwort zur Faksimile-Ausgabe der h-Moll-Sonate von 1973 schreibt Claudio Arrau über die Neuartigkeit der „motivischen Arbeit“ bei Liszt: „... aus einem einzigen Motiv entwickelt sich der Aufbau des gesamten Werkes“. Diesen Fluss, diese Kontinuität zu finden und zu halten, fordert jede Interpretin. Und der unmissverständliche Blick nach vorne, der bei Liszt allzu routiniert im Schatten der rauschenden Vita übersehen wird, liest sich in dessen Worten:

„Wenn das Neue nicht irgendwo und irgendwie ausprobiert wird, wo haben wir dann die Chance, es kennen zu lernen? Man wird sich in der Musikgeschichte noch oftmals irren. Aber das ist nicht schlimm und wird niemandem angelastet. Schlimm ist es nur, wenn man jede Bestrebung unterlässt, das Zeitgenössische aufzuführen. Musik, die geschaffen wird, ist nicht dazu da, dass man sie in Archiven vergräbt! Sie muss diskutiert werden und sich dem Publikum stellen. Und dann erst wird entschieden werden, was gut oder schlecht, ewig oder vertan ist! Deshalb ist mein künstlerisches Motto immer gewesen: Die Lebenden zuerst.“


„Nicht als rhapsodischer Fiebertraum“, sondern zwingend vom einen ins andere, fordert Alfred Brendel die Liszt-Interpretin, denn „jede Note steht an ihrem Platz, die Vortragszeichen vermitteln mit großer Klarheit das Wesentliche.“


Brendel widmet sich in seinem Buch „Musik beim Wort genommen“ intensiv und beispielhaft Liszts h-Moll-Sonate und seziert 6 Themen:


Das Thema 1 „Lento assai sotto voce“ quasi g-Moll zu Beginn der ersten 7 Takte artikuliert gleichsam das Schweigen, stellt Beziehung zur Stille her ... es wird hier nicht gesprochen oder gesungen, sondern gedacht.


Mit dem Thema 2 „Allegro energico“ h-Moll in den darauffolgenden Takten betritt ein Akteur die Bühne: Faust?


Das Thema 3 „marcato“ ist eine Frage zur Gegenfrage, stichelnd, subversiv, mephistophelisch.


Das Thema 4 „Grandioso“ D-Dur entwickelt sich 100 Takte später aus dem Urthema des Anfangs.


Im lyrischen Thema 5 „cantando espressivo“ D-Dur vierzig Takte später zeigt sich aus der schwärmerisch-entzückten Variante aus Thema 3 das Erscheinungsbild Gretchens, und schließlich...


Thema 6 „Andante sostenuto“ Fis-Dur, ist es das ewig Weibliche, das beinahe religiös entrückt das Irdische anzieht?


Stichwort Mode: Heinrich Heine prägte den Begriff der „Lisztomanie“, Kleidungsstücke und Accessoires von Liszt wurden als Trophäen betrachtet. Auf einigen Darstellungen, wie einem Gemälde von 1839, wird Robert Schumann mit einem Ohrring am linken Ohr abgebildet. Dies könnte auf eine Modeerscheinung im Zusammenhang mit der damaligen Shakespeare- Renaissance zurückzuführen sein, da auch Shakespeare oft mit einem Ohrring dargestellt wurde.                                                   

                                                                                                                                                       TEXT: URSULA MAGNES

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