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PROGRAMMEINFÜHRUNG

ERÖFFNUNGSKONZERT - "HAVE FUN"

FREITAG, 4. SEPTEMBER 2026, 18 UHR


Bohuslav Martinů

Trio, H. 300

Poco allegretto - Adagio - Andante. Allegretto scherzando


Michele Allegro

Trio „Pulse“ (Uraufführung)


Pause


Joseph Haydn

Trio in D-Dur, Hob. XV:16

Allegro – Andantino più tosto Allegretto – Vivace assai


Nikolai Kapustin

Trio, op. 86

Allegro molto - Andante - Allegro giocoso


Trio Revolution

Temo Kharshiladze - Flöte 

Sandro Sidamonidze - Violoncello 

Ketevan Sepashvili - Klavier


Have fun in einem Klassik-Konzert? Ja, dürfen wir das? Wir dürfen. Wir müssen sogar. Joseph Haydn, Bohuslav Martinů, Michele Allegro und Nikolai Kapustin trennen Epochen, doch ihr Sinn für Spielmusik im wahrsten Sinne des Wortes reiht sie Note an Note. Alle vier mussten „original“ werden: Haydn in der Abgeschiedenheit der Schlösser der Fürstenfamilie Esterházy, Martinů durch seinen Blick auf die Welt von oben und Kapustin komponierte im Stil improvisierter Musik. Eine echte Manufaktur der Künste - inklusive Uraufführung von Michele Allegro, der sein Trio „Pulse“ in das „Timing-Gefühl“ des Trio Revolution „hineinkomponierte“. Wie ein Instrumenten-Kleid, das einfach sitzt, perfekt balanciert im Klang der drei Instrumente.


Ein wichtiges Stück in der Repertoiresuche des Trio Revolution findet sich im Trio für Flöte, Cello und Klavier, H.300, komponiert 1944 von Bohuslav Martinů, dessen Musik „ein wenig von der Bejahung des ruhigen und glücklichen Lebens wiedergeben“ soll. Seine Kindheit verbrachte der Bub im Kirchturm des böhmischen Dorfes Polička, wo sein Vater als Glöckner arbeitete. Von seinem Aussichtspunkt sah er von oben „alles in Miniatur ... und darüber einen großen, grenzenlosen Raum. Dieser Raum war ständig vor meinen Augen, und ich suche ihn für immer in meinen Kompositionen.“ Der Nonkonformist verbrachte 17 Jahre in Paris, nahm den französischen Modernismus, Jazz und Neoklassizismus in sich auf, und veredelte diese Einflüsse auf seine tschechischen Wurzeln. Als die Nationalsozialisten 1941 in Paris einmarschierten, floh Martinů in die Vereinigten Staaten. Er unterrichtete anschließend an den Musikhochschulen Mannes, Princeton und Curtis, bevor er 1956 nach Europa zurückkehrte.


Bohuslav Martinů schrieb das Trio für Flöte, Cello und Klavier während eines Sommers in New England, kurz nachdem er seine Dritte Symphonie fertiggestellt hatte. Es ist ein lebhaftes Werk, das von seiner unverwechselbaren musikalischen Sprache zeugt. Zu den Höhepunkten zählt der rhythmische Ideenreichtum, der den sonnigen ersten Satz antreibt, in dem die drei Instrumente kurze rhythmische Passagen austauschen, während sie sich spielerisch gegenseitig jagen. Es folgt ein meditatives Adagio, voller Sehnsucht, sowie ein mitreißendes Finale, in dem Martinů erneut sein Geschick im Schreiben für die Flöte aufblitzen lässt. Der amerikanische Komponist Virgil Thomson liebte das Trio und nannte es „ein Juwel mit hellem Klang und fröhlicher Stimmung. Es ist klanglich perfekt, es klingt gut, es fühlt sich gut an, es ist eindeutig das Werk eines feinen Juweliers und es klingt wie keine andere Musik.“ Bavte se!*

Detail: Wie kommt das H zum Trio H. 300? Das Martinů-Werkverzeichnis stammt vom belgischen Musikwissenschaftler Harry Halbreich.


Der italienische Komponist und Pianist Michele Allegro (*1990) hat den diesjährigen Kompositionswettbewerb des Festivals Manufaktur der Künste „Call for Scores 2026“ gewonnen. Insgesamt haben 25 Komponist:innen eingereicht, im Alter von 14 bis 77 Jahren. Michele Allegro hat uns einen Text über sein neues Werk „Pulse“ mitgeschickt:

„Pulse ist eine Komposition, die wie viele meiner jüngsten Musikproduktionen Inspiration schöpft aus dem Verhältnis zwischen dem Alltagsleben, dem hektischen und stressigen Leben der Stadt im Gegensatz zur Suche nach einem ruhigeren Lebensstil auf dem Land. Aus meiner Sicht auf das Leben ist diese Beziehung oft sehr konfliktreich; tatsächlich habe ich mich dafür entschieden, in einer kleinen Stadt am Meer (Agrigento) zu leben, aber mit meiner Fantasie trete ich heraus. Ich wandere durch eine große Metropole und träume davon, wie mein Leben in Städten aussehen würde - wie in New York oder Los Angeles. Ich habe versucht, diese Beziehung zwischen Fantasie und Realität zu reproduzieren. Die Komposition basiert auf meinen wichtigsten Stilmerkmalen: der Verbindung von Klassik mit Einflüssen des Minimalismus und der Harmonik des 20. Jahrhunderts. Brillant und rein rhythmisch im Charakter, kontinuierliche Änderungen des Metrums sowie der Klangfarben und harmonischen Fülle. Das Trio ist in drei Sätze unterteilt und dauert etwa 15 Minuten.“


Joseph Haydn hinterließ insgesamt 39 Klaviertrios. Gebrauchsmusik zur Unterhaltung in der fürstlichen Kammer, die sich anschickte, das Fenster in die bürgerliche Welt aufzudrücken. Die Trios Hob. XV:15–17 unterscheiden sich in der Besetzung mit Flöte statt Violine. Die Verwendung der Flöte ist wohl der besonderen Beliebtheit des Instruments in englischen Bürger- und Adelskreisen zuzuschreiben. Entstanden sind sie auf Bestellung des Londoner Verlegers John Bland, der Haydn 1789 besuchte. Dieser machte sich sofort an die Arbeit, spielte sich mit Erfindungsreichtum und Eleganz, und schon ein Jahr später, im Sommer 1790, sind die Flötentrios im Druck erschienen.


Haydn, der in der Abgeschiedenheit bei den Esterházys gezwungen war „original zu werden“, ist es auch im Trio Hob. XV:16 in D-Dur. Er entwickelt die Reprise des ersten Satzes Allegro zu einer Art zweiten Durchführung, ein radikales Experiment, das auch „tonartlich“ recht unartig ordentlich aufwühlt. So freudig war noch zu Beginn das Klavier in den Satz gepurzelt. Reizvoll schon allein die Angabe für den zweiten Satz: „Andantino piuttosto allegretto“ – „Gehend eher mäßig lebhaft“. Der schlichte Liedsatz in d-Moll skizziert die Anmutung mit zarten Erinnerungen. Haydn, der unübertroffene Meister der langsamen Sätze, für diese geschätzt von Franz Schubert, wo sich die Spreu vom Weizen trennt. Der dritte Satz Rondo, ähnlich experimentierfreudig, da alle Episoden aus den Variationen des Ritornells herausschlüpfen und herumwirbeln. Hauptsache: sehr lebhaft, „vivace assai“. Have fun!


Der gebürtige Ostukrainer Nikolai Kapustin lässt keine Zweifel aufkommen: „Ich war nie Jazzmusiker. Ich habe nie versucht, ein echter Jazzpianist zu sein, aber wegen des Komponierens musste ich es tun. Ich interessiere mich nicht für Improvisation – und was ist ein Jazzmusiker ohne Improvisation? Alle meine Improvisationen sind geschrieben, und sie sind viel besser geworden; das hat sie verbessert.“

Geboren in Horlivka in der Region Donezk als Klavierwunderkind, komponierte Kapustin seine erste Sonate mit 13 Jahren. Er wuchs mit der Musik von Bach, Chopin, Ravel, Prokofjew und Skrjabin auf, aber auch mit Jazz, der in den 1930er Jahren allmählich in die UdSSR Einzug hielt. Als Kapustin ein Teenager war, gab es in Moskau ein staatliches Jazzorchester und eine Big Band. Er spielte in beiden Bands und erwarb sich im Laufe der 1950er Jahre einen Ruf als Jazzpianist, Arrangeur und Komponist. Er widmete sich fast ausschließlich dem Klavier und entwickelte einen Stil, der klassische Formen mit jazzigen Harmonien und Rhythmen verband.


Das Trio op. 86 entstand 1998 im Alter von 61 Jahren und war sein allererster kleiner Ausflug in die Kammermusik: Kapustin in Bestform! Der erste Satz ist nach einem eindrucksvollen Auftakt energiegeladener Jazz, der zweite ein träges Andante, das in einem fröhlichen Finale endet und jedem Instrument seinen Auftritt mit Szenenapplaus ermöglicht. Jan Brachmann von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung schreibt: „In gut gelaunten Synkopen tanzt die rechte Hand ein akkordisches Thema hin, darunter rüttelt und schüttelt die linke Hand ihre Achtelketten durch wie ein glücklicher Hund sein Spielzeug beim Toben – wie in einem rasenden Bach Präludium – das alles in einem bestechend klaren, geradezu grazilen Klaviersatz, der einen aufgeräumten Denker mit Sinn für Pointen verrät.“ Und wieder ist es passiert – mind the gap: Have fun!


*Bavte se bedeutet Have fun auf Tschechisch.                                                                   

                                                                                                                                                                            TEXT: URSULA MAGNES

Copyright © 2026 Festival Manufaktur der Künste – Alle Rechte vorbehalten.

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